Früher hatte wir Ärzte es vorwiegend mit Infektionskrankheiten zu tun. Diese gingen allerdings zurück, bevor die Antibiotika erfunden wurden! Dies konnte erreicht werden durch präventive private und öffentliche Hygienemaßnahmen, d. h. Gesundheit in eigener Verantwortung.

Heute dagegen haben wir es vorwiegend mit Krankheiten zu tun, die durch eine ungünstiige Kommunikation eines Menschen sei es mit sich selber, sei es der Leute untereiander ausgelöst worden sind.

Dieser Sachverhalt wird in diesem Podcast ausführlich dargestellt.

 
 Welche Krankheiten uns heute beschäftigen [13:38m]: Play Now | Play in Popup | Download

 

Den Inhalt dieses Podcast können Sie hier noch einmal in Textform nachlesen und vertiefen:


Im heutigen podcast möchte ich zusammenfassen, ergänzen und präzisieren, was ich in den voraus gegangenen podcasts ausgeführt habe:

In den früheren Jahrhunderten bis etwa 1950 hatten wir Ärzte es vorrangig mit
Infektionskrankheiten zu tun – wenn wir einmal von Verletzungen durch Unfälle absehen.
Pest, Cholera, Typhus, Diphtherie, Pocken, Syphilis, Tuberkulose, Kindbettfieber und viele andere durch Bakterien und Viren verursachte Erkrankungen kosteten Millionen von Menschen das Leben. Z. B. starben um 1350 25 Millionen Europäer an der Pest. Dies war damals ein Drittel der europäischen Bevölkerung!
Durch die Entdeckung der Bakterien und später Viren und den daraus folgenden öffentlichen und privaten präventiven Hygienemaßnahmen konnten dann ganz langsam, aber doch äußerst erfolgreich diese Menschenkiller nahezu ausgerottet werden.

Wichtig ist mir hier dabei festzustellen, dass dieser Erfolg über all diese Infektionskrankheiten durch das Prinzip „Gesundheit in eigener Verantwortung“ erreicht wurde: Man warf die Küchenabfälle nicht mehr in den vor dem Haus verlaufenden Kloakengraben – saubere Reste von dieser Einrichtung sind heute noch in Freiburg im Breisgau zu sehen – , sondern errichtete Mülldeponien und baute eine öffentliche Kanalisation. Auch wurde mehr Wert auf die Frisch- und Sauberhaltung von Lebensmitteln Wert gelegt, für keimfreies Wasser gesorgt und zusätzliche Impfprogramme immunisierten die Menschen vor einem Großteil dieser üblen Infektionskrankheiten.
Entscheidend ist zu wissen, dass all diese ansteckenden Erkrankungen bereits
vor der Entdeckung der Antibiotika auf dem Rückzug waren: Nicht das Einwerfen von Tabletten hatte die Reduzierung von Krankheit und Tod bewirkt, sondern das aktive Herstellen von privater und öffentlicher Hygiene!, dass heißt, eine Änderung von Erleben und Verhalten: Gesundheit in eigener Verantwortung.

Heute dagegen beschäftigt uns ein ganz anderes Krankheitsszenarium: Es geht darum, wie Menschen miteinander umgehen, aber auch, wie ein jeder mit sich selber kommuniziert.
Es geht um Kommunikation!

Die Anfänge dieser Erweiterung des medizinischen Denkens finden wir in den USA um 1960, wobei wir allerdings als Gründungsvater des systemischen Denkens Prof. Ludwig von Bertalanffy (1901 – 1972), Österreicher, anerkennen müssen.

In einer Klinik in den USA kümmerten sich junge Psychiater um Patienten, die unter einer Psychose (Schizophrenie) litten. Nach wochenlangen Therapieversuchen konnten auch gewisse Erfolge erzielt werden und man konnte die Gesundeten nach Hause entlassen.
Aber nach kurzer Zeit standen die ehemals Geheilten mit ihren alten Krankheitsbildern wieder vor der Kliniktür!
Unsere jungen, wissbegierigen und unorthodoxen Psychiater kamen jetzt auf die zündende Idee: „Da schauen wir doch mal bei den Patienten zu Hause nach. Vielleicht ergibt sich dort eine Erklärung für die dauernden Rückfälle unserer Patienten“.

Und sie wurden fündig: „Ja in diesen Familien zu Hause wird so ungewöhnlich miteinander kommuniziert, da bleibt wohl dem schwächsten Mitglied einer solchen Gemeinschaft gar nichts anderes übrig, als sich in eine Psychose zu retten …..!“

Es gilt: „Krankheit ist die Lösung eines unbewussten Konfliktes!“
In der heutigen Psychiatrie gibt es zwei Lager, die sich zum Teil heftig befehden: Die einen meinen, dass Psychose streng genetisch bedingt sei. Die anderen vertreten die Auffassung, dass eine ungünstige familiäre Kommunikation für den Ausbruch einer Psychose verantwortlich sei.

Ich selber bin der Ansicht, dass wir beide Faktoren zu dieser Erkrankung brauchen.
Nun, als ich 1980 über Prof. Helm Stierlin, Heidelberg, der die Familientherapie von den USA nach Deutschland gebracht hatte, mit dem systemischen Denken vertraut gemacht wurde, hatte ich ein klassisches deja vue Erlebnis: Mit anderen Worten: das kennst du doch schon lange aus deiner hausärztlichen Tätigkeit! Je schwerwiegender jemand erkrankt war, um so mehr hatte ich anlässlich meiner Hausbesuche den Eindruck: Hier stimmt irgendetwas mit der Kommunikation nicht. Irgendwie gehen hier die Leute gar nicht liebvoll miteinander um! Gelegentlich empfand ich das Miteinander Umgehen in solchen Familien derart angespannt und geladen, dass ich mich so schnell als möglich wieder verabschieden wollte.

Nun gibt es natürlich Situationen, wo zwei Dinge gleichzeitig passieren, aber sie gehören nun wirklich nicht zusammen. In unserem Falle stellt sich die Frage, hat ein ungutes Miteinander Umgehen tatsächlich etwas mit Krankheit zu tun, oder kommen diese beiden Fakten nebeneinander parallel vor und sind nicht ursächlich miteinander verknüpft.
In der exakten Naturwissenschaft wird hierzu folgender Witz rumgereicht: Um 1960 hatten wir in diesem unseren Lande einen massiven Geburtenrückgang. Zur gleichen Zeit berichtete Prof. Bernhard Grzimek, Chef des Frankfurter Zoos, dass wir derzeit weniger Klapperstörche hätten …… !

Aber wenn es gelingt, in Patientenfamilien das Miteinander Umgehen zu optimieren, können sich auf einmal Krankheiten zurückbilden, bei denen die Schulmedizin nicht so gut aufgestellt ist!
Somit ist bewiesen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unguter menschlicher Kommunikation und Krankheit.
Es gelten somit folgende Lehrsätze:
-Nicht der Patient ist krank, sondern die Beziehung in der erlebt
-Der Patient ist „nur“ die Klingel einer gestörten familiären/betrieblichen Kommunikation
-Eine dysfunktionale, d. h. angstbesetzte Kommunikation, sei es eines Menschen mit sich selber, sei es der Leute untereinander kann genau so zu einer Erkrankung führen, wie Bakterien, Viren usw.
-Wir Menschen wechselwirken im Guten, wie im Bösen

Insofern verstehe ich mich am ehesten als ein Kommunikationstrainer, der den bei mir um Rat Suchenden aufzeigen darf, wie können die einzelnen Familienmitglieder ein jeder mir sich selber besser kommunizieren und wie können alle Beteiligten miteinander besser umgehen.
Zwei Beispiele mögen diesen Sachverhalt illustrieren:

1. Schlechte Kommunikation mit sich selber:

In meiner Jugend wurde ich von meiner Mutter stets auf Höchstleistung getrimmt: In ihren Augen war ich immer zu langsam und meine Noten hätten auch immer besser sein können.
So entwickelte sich in mir zunehmend eine panische Angst vor Scheitern, Versagen, sich durch unzureichende Leistung blamieren – was mir allerdings nie bewusst war!!, denn durch möglichst alles schnellstens Erledigen und viele Erfolge im Beruf und Sport, gelang es mir immer wieder, diese in mir drohende Angst zu beschwichtigen.
Tja, bis eines Tages meine Herzkranzgefäße nicht mehr mitspielten – obwohl damals schlank wie eine Tanne, kein Bluthochdruck, kein Zucker und kein erhöhtes Cholesterin!!
Immer wieder musste ich auf den Kathedertisch, um die sich gebildeten Engstellen in den Herzkranzgefäßen aufzudehnen und mit Stents versorgen zu lassen.

Vor über acht Jahren nun wurde ich endlich über mich schlauer: Ich konnte endlich wahrhaben, welche teuflische Angst mich ein Leben lang umgetrieben hatte: Tempo, Tempo, Tempo. (Leistung = Arbeit/Zeit!, d. h. je weiniger Zeit man für eine Leistung benötigt, um so größer ist die Leistung).
Inzwischen ist es mir gelungen, diese mir einst anerzogene Angst zu Scheitern, zu langsam zu sein herunterzutrainieren und seit da sind meine schlechten Gene von Seiten meines Großvaters abgeschaltet: Es gibt keine Engstellen in meinen Herzkranzgefäßen mehr!

2. Ungünstige Kommunikation der Menschen untereinander:

Verena, 16 Jahre jung, bot ein Bild des Erbarmens: Bei einer Größe von 173 cm brachte sie noch 38 kg auf die Waage: Magersucht war die zutreffende Diagnose.
Ihre Mutter, eine einerseits sehr fürsorgliche, aber doch auch wieder sehr ängstliche und damit unentschiedene Frau, litt immer wieder unter Anflügen von
depressiven Symptomen.

Durch das nicht Neinsagen Können ihrer Mutter, lernte Verena alsbald sich gnadenlos durchzusetzen: Stets bekam sie ihren Willen. Ihr wurden immer wieder „alle Steine aus dem Weg geräumt“
Zusätzlich aber entwickelte Verena eine panische Angst einen Fehler zu begehen, denn zu oft hatte sie erlebt, dass ihre Mutter mit Krankheit reagierte, wenn sie, Verena, nicht den Vorstellungen ihrer Mutter entsprach.
Vom Vater bekam sie noch zusätzliches Feuer, in dem sich dieser über Frauen immer wieder lustig machte.
Nun, Verena hatte als wesentliche Strategie in ihrem Elternhaus herrschen, andere kontrollieren gelernt.
Entsprechend bildete sie in ihrer Gymnasialklasse alsbald den Mittelpunkt und gab unbefragbar vor, was richtig war und was nicht.

„Irgendwann muss ich es wohl mit meinem andere rumdirigieren übertrieben haben“, so gestand mir Verena bereits in der ersten Therapiestunde, und ich wurde auf einmal von allen links liegen gelassen“
„Na dann begann ich halt eines Tages mein Essverhalten zu kontrollieren …!“
Nach einem einjährigen Kampf mit mir – sie hatte zu lernen, selber Verantwortung für ihr tägliches Handeln zu übernehmen und dabei auch Fehler machen zu dürfen und zu ertragen, dass nicht immer sie der Boss ist, erreichte sie wieder ihr Normalgewicht.

Ob nun jemand in einer Familie krank geworden ist, oder aber es sich um ein zerstrittenes Ehepaar handelt: stets geht es um eine unzweckmäßige Kommunikation. Insofern kann ein Familientherapeut, bzw. Kommunikationstrainer beiden Fragestellungen gerecht werden.