Ich meine, dass zum täglichen Leben die Fähigkeiten „mit sich und mit anderen zufrieden sein zu können“, als auch „mit sich und mit anderen unzufrieden sein zu können“ gehören. Hierzu zählt auch, dass man sich über andere Menschen Ärgern darf und nach einer Phase des Aufgebrachten auch wieder Harmonie und Ruhe in sein Leben zurückkehren sollte.

Wenn dieses Gleichgewicht fehlt oder Menschen nur sehr einseitig ausgerichtet sind, kann dies zu erheblichen Problemen im Leben dieser Personen führen.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung bei meinem Podcast Nummer 16 zum Thema Harmonie und Glück – Unzufriedenheit und Ärger.

 
 Podcast - Harmonie, Glück und Ärger [13:09m]: Play Now | Play in Popup | Download

 

Den Inhalt dieses Podcast können Sie hier noch einmal in Textform nachlesen und vertiefen:

Ich meine, dass zum täglichen Leben die Fähigkeiten „mit sich und mit anderen zufrieden sein zu können“, als auch „mit sich und mit anderen
unzufrieden sein zu können“ gehören.
Mit sich zufrieden sein zu können meint, dass ich jetzt eben genügend getan habe, mir eine Pause, ein Abschalten zusteht, sich auch mal ein Nachgeben, sich Fügen erlauben.
Unter mit anderen zufrieden sein zu können, verstehe ich die Fähigkeit, andere zu loben, deren Aussagen und Tun zu bestätigen, mit anderen einer Meinung zu sein, Resonanz, d. h. Verstärkung zu erfahren.
Mit sich unzufrieden sein zu können heißt, da gibt es für mich noch etwas zu verbessern, zu Ende zu bringen, sich eine neue Lösung einfallen zu lassen, kämpfen können.
Mit anderen unzufrieden sein zu können, meint, sich auch mal trauen, andere zu kritisieren, andere zu fordern, Alternativen zum bisher Gesagten hinzu zu fügen.
Nun, betrachten wir uns zuerst einmal die beiden Fähigkeiten „mit sich zufrieden“, als auch „mit sich unzufrieden“ sein zu können.

Anders formuliert: Ich meine, dass man das Leben auf die beiden Verhaltensweisen Kämpfen als auch Fliehen, sich fügen, nachgeben reduzieren kann.

Um zur Ernährung, Behausung und Bekleidung zu kommen, ist kämpfen, bzw. mit sich unzufrieden sein zu können angesagt. Gelegentlich aber sind die äußeren Widerstände zu groß, oder aber ich bin über all zu viel Kämpfen müde geworden, so ist es dann in solchen Momenten sinnvoll, abzuschalten, mit sich zufrieden zu sein können, nachzugeben.

Über all dem steht die Weisheit: Welche dieser beiden Strategien ist jetzt gerade die Sinnvollere.
Beide Verhaltensweisen hat ein Kind in seinem Elternhaus zu lernen und gut geht es natürlich demjenigen, der beide Techniken, Kämpfen und Flucht, Nachgeben gleich gut gelernt hat.

Zwei Beispiele, wie Einseitigkeiten in diesem Bereich einmal fast und das andere mal ganz zum Tode führen können:
Meiner Mutter, Ruth, z. B. war Flucht, Nachgeben absolut unmöglich; sie war voll auf Kampf hin erzogen worden. Bei den Russen, 1945 hätte uns diese ihre Einseitigkeit beinahe das Leben gekostet: Eines Tages kam wieder einmal eine polnische Jugendbande zum Plündern zu uns ins Haus. Auf einmal sieht meine Mama, wie eins der Polenmädchen sich mit ihrem Silber aus dem Staub machen möchte – meine Mutter verfügte über eine sehr reiche Hochzeitsausstattung – . Ruth raste auf das Mädchen zu, packte sie am Hals, würgte und schüttelte sie und schrie sie an: „Du Polenmädchen bekommst mein Silber nicht!“, worauf diese natürlich um Hilfe rief.

Blitzartig war einer der polnischen Jungs mit erhobenem Bajonett zur Stelle, um meine Mutter abzustechen. (Ein Menschenleben war damals so wertlos wie heute z. B. in Bagdad oder Afghanistan)
Und nur weil unsere alte Frau Damerau, die bei uns im Haus wohnte und perfekt polnisch sprach und zufällig neben dieser Szene stand beschwichtigend eingriff: „War nicht so gemeint, Irrtum!“ usw. überlebte meine Mutter ihr Fehlverhalten und damit natürlich mein Bruder und ich auch.

(Letztes Jahr, 2009, habe ich nach 63 Jahren erstmalig mein damaliges Elternhaus besucht und erlebte eine unglaublich liebenswerte und gastfreundliche Familie, als jetzige Eigentümer!)
Verena, 45 Jahre jung, hatte wegen einer Krebserkrankung ihre linke Brust verloren. Damals, vor 30 Jahren, waren die rekonstruktiven, operativen Möglichkeiten noch nicht so weit ausgefeilt wie heute, so dass Verena über ihr jetziges nicht mehr so schönes Aussehen verständlicherweise zutiefst betrübt war.
Aber noch viel schlimmer war für sie das hartnäckige Abstreiten ihres Mannes, dass er keine Freundin hätte.
„Ich habe doch zweimal zwei Kinokarten in seinem Jackett gefunden. Es gibt seltsame Eintragungen in seinem Terminkalender und zu diesen Zeiten ist er dann auch urplötzlich verschwunden, usw. usw.. Außerdem ist er seit einiger Zeit so übertrieben lustig und aufgedreht – so wie frisch verliebt und andererseits macht er mich permanent fertig, kritisiert mich von morgens bis abends, nichts kann ich ihm mehr recht machen! Und das Schlimmste ist, dass er mich schon in aller Öffentlichkeit angeblafft hat, was für eine Niete ich im Bett sei!“

Damals, vor 30 Jahren, noch als schlichter internistischer Hausarzt tätig und erst in den Anfängen der Ausbildung zum Psycho- und Familientherapeuten befindlich, gab ich ihr vorsichtig zu bedenken, ob sie sich entweder ein energisches Verbitten dieser Beleidigungen oder aber eine Trennung vorstellen könne?
„Doktor, wo denken Sie hin!“ platzte es aus ihr heraus. „In meinem Elternhaus habe ich absoluten Gehorsam gelernt. Eine eigene Meinung zu haben, oder gar lautstark zu protestieren, hätte entweder 3 Wochen Ausgehverbot, oder einige Stunden im dunklen Keller eingesperrt zu werden bedeutet. Auch meinen Beruf durfte ich nicht selber auswählen. Vater entschied, du wirst Beamtin. Dafür reicht dein Grips gerade noch aus und du bist versorgt, denn ob dich ein Mann heiraten will, da habe ich die größten Zweifel!“

Mit anderen Worten: Auch mal mit anderen unzufrieden sein können, d. h. in der Lage zu sein, sich abzugrenzen, sich energisch durchzusetzen, hatte Verena nie lernen dürfen. Somit hatte ihr Mann ein leichtes Spiel: Er konnte tun und lassen was er wollte. Er brauchte von seiner Frau keine Kritik oder gar Konsequenzen befürchten.
Monate später erschien urplötzlich eine Freundin von Verena in meiner Sprechstunde und berichtete, dass unsere gemeinsame Bekannte gestern Abend in der Klinik verstorben sei.
„Ich hatte sie noch am Morgen besucht und sah, dass es alsbald mit ihr zu Ende gehen würde und auch Verena spürte den nahen Tod, denn sie bat mich ihrem Hausarzt zu sagen, sie wüsste, warum sie schon so früh zu sterben hätte: „Sie hätte sich nicht getraut, ihrem Mann die Tür zu weisen!, ihm klar und unmissverständlich zu signalisieren, dass sie mit seinem Verhalten ihr gegenüber absolut unzufrieden sei und es so nicht mehr tolerieren wolle!““
Eine Woche nach dem Begräbnis von Verena holte ihr Mann sich seine Freundin ins Haus…. .
Nun, mit sich zufrieden, als auch unzufrieden, wie auch mit anderen zufrieden, als auch unzufrieden sein zu können, hat ein Kind in seiner Jugend zu lernen.
Es hängt also wieder einmal von meinem Elternhaus ab, mit welchen Lebens-bewältigungswerkzeugen ich ausgestattet werde und mit welchen nicht. Und so kann es zu Einseitigkeiten kommen, die ich über die letzten Jahre bei vielen Menschen beobachten gelernt habe:
Stellen Sie sich bitte wieder ein größeres Rechteck vor, welches durch eine waagrechte und eine senkrechte Mittellinie in 4 gleichgroße Felder aufgeteilt ist.
Oben links finden wir das Feld a); oben rechts liegt das Feld b); unten links ist das Feld c) angesiedelt und unten rechts finden sie das Feld d).

Im Feld a), also oben links habe ich die Menschen untergebracht, die sich durch ihr tendenzielles Verhalten α) mit sich zufrieden und β) mit anderen zufrieden auszeichnen.
Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass diese Begriffe, „mit sich und mit anderen zufrieden“, nur das Verhalten dieser Leute, was man von
außen beobachten kann, betrifft. Wie sich diese Menschen in ihrem Innersten fühlen, ist etwas ganz anderes. Ja ich darf annehmen, dass diese Leute innerlich zutiefst unzufrieden sind, da sie – bewusst oder unbewusst – wahrhaben müssen, dass ihnen jeweils das Gegenstück zu ihrem Verhaltensrepertoire fehlt.
Als Leitsatz werden diese Individuen von dem Wort Harmonie gesteuert. Dagegen ist der Begriff Dis-Harmonie hoch angstbesetzt!

Gerade eben sagte mir eine Frau, die sich in der Neurobiologie und Hirnforschung etwas auskennt: Dr. Frederich, würde man mich in einen Scanner schieben, und mich dann mit dem Wort Dis-Harmonie konfrontieren, so würden genau in diesem Augenblick meine Mandelkerne hoch rot aufleuchten! (In den Mandelkernen im Stammhirn ist das Gefühl der Angst lokalisiert und ein Aufleuchten bedeutet hoch durchblutet, d. h. aktiv!).
Erinnern Sie sich an das Fallbeispiel des türkischen Mathematik-Studenten Emre (podcast Gesundheit in eigener Verantwortung Teil 2): Aus lauter Angst vor seinem strengen Vater traute er sich nicht, eine neue Gitarre zu kaufen, um so besser in seiner aufsteigenden Band mithalten zu können. D. h., Dis-Harmonie mit seinem Vater war im absolut verboten und so reagierte sein Körper mit einem schweren M. Bechterew (entzündlichen Erkrankung der Wirbelsäule).
Erst als er lernte, Konfrontation mit seinem Vater auszuhalten, bildete sich auch sein Bechterew zurück!
Ich meine, dass eine menschliche Beziehung, sei es in der Ehe, sei es am Arbeitsplatz oder auch in der Freizeit, dann gut abläuft, wenn ca. 75 % Harmonie, d. h. Einigsein, Übereinstimmung vorkommt, aber auch 25 % konstruktive Kritik, d. h. Dis-Harmonie möglich ist.
Im Widerspruch liegt die neue Erkenntnis und damit der Fortschritt. Bei 100 % Harmonie haben wir Lähmung.
In den nächsten podcasts werde ich weitere Fallbeispiele aus den Feldern b), c), und d) bringen.

Bis dahin bleiben sie gesund und neugierig auf weitere Erkenntnisse.
Ihr Dr. Bernd Frederich