Als internistischer Hausarzt fahndete ich früher nach Bakterien, Viren und Pilzen.

Klagte z. B. eine Frau über Brennen beim Wasserlassen, ziehende Schmerzen im Bereich von Blase und Nierengegend sowie Fieberschüben, so war der Verdacht auf einen Harnwegsinfekt groß. Also untersuchte ich ihren Urin auf Bakterien, identifizierte diese, d. h. ich versuchte herauszufinden, um welche Art von Bakterien es sich in diesem Fall handelte und teste auch aus, welches Antibiotikum denn gezielt helfen würde.

Ich suchte also nach körperlichen, sprich materiellen Erregern, welche zu dieser Erkrankung geführt hatten.

Heute dagegen interessieren mich psychologische, d. h. immaterielle Erreger, die zu einer Erkrankung führen können.

Es geht um sog. angstbesetzte Schlüsselwörter, ich nenne sie Psychokokken.


3 Beispiele hierzu in diesem Podcast:
- An die Wand stellen
- Ruth: ich lese in einem Gynäkologie Buch
- Neurodermitker: Du musst … Markus in Schule

 
 Psychokokken - Freude und Leid [15:12m]: Play Now | Play in Popup | Download

Sie merken: angesetzte Schlüsselwörter können Feindseligkeit nach außen, gegen andere bewirken, als auch Feindseligkeit gegen sich selber, d. h. Krankheit!

Dabei ist natürlich zu beachten, dass viele Erkrankungen multifaktoriell bedingt sind: Erblich, falsche Ernährung, Bewegungsmangel, körperliche Erreger wie Bakterien, Viren, Pilze usw.

Aber es gilt die wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, dass ein Mensch dieses oder jene krankmachende Gen in sich haben kann. Ob dieses Gen aber auch angeschaltet wird, d. h. zur Wirkung kommt, das entscheidet das Gehirn!
Wir wissen heute, dass Gene über die sog. Epi – Gene, d.h. soziale und psychologische Einflüsse, verändert werden können.
Ein etwas frivoles Beispiel: Das Gen für grüne Bohnen produziert nicht immer grüne Bohnen; sondern wenn ich diese grüne Bohne heftig erschrecke, werden die nächsten Bohnen eine rote Farbe haben.

Angstbesetzte Schlüsselwörter, Psychokokken, bewirken in uns eine anhaltende Anspannung, Dis – Stress, und dies wiederum hält ein lebender Organismus über die Zeit nicht aus: krankmachende Gene werden angeschaltet. Der Körper sucht sich nun eine passende Erkrankung als Ventil, um diese Anspannung loszuwerden.

Neigt z. B. ein Mensch zum permanenten Grübeln – er hat z. B. Angst, seinem Partner zu sagen, was ihm an Ihr nicht gefällt, so kann sich eines Tages infolge der Erschöpfung der Botenstoffe im Gehirn eine Depression einstellen.
Oder: Eine junge Frau erzählte mir folgende Begebenheit aus ihrem Leben: Durch Fürsprache, besser gesagt durch Schiebung ihres Schwiegervaters, hatte sie eine berufliche Stellung erworben, deren Anforderungen ihr berufliches Können weit überstiegen.

„Ich geriet in eine permanente Anspannung. Nachts lag ich stundenlang wach, tagsüber im Büro kreisten meine Gedanken ständig um das Thema „wenn die merken, dass ich die mir gestellten Aufgaben nicht ordentlich erledigen kann“, bin ich und meine Familie bis auf die Knochen blamiert!“
„In mir fühlte sich das so an, als ob ich gleich explodieren müsste, wie innerlich zerrissen, wie Feuer. Es war ein grausames Gefühl.

Dann aber, als sich die Knoten an beiden Halsseiten entwickelten, breitete sich in mir eine ungemein wohltuende Ruhe aus. Es war die Ruhe, wie nach einem Orkan mit Blitz und Hagel!“
Die Frau hatte einen Morbus Hodgkin, d. h. Lymphknoten Krebs, entwickelt!
Mit anderen Worten:

„Entweder lös’ das Problem oder vergiss‘ es“, sagte einst ein Mann, der gerade seinen 100- elften Geburtstag feierte.
Nun neigen wir Menschen dazu, Unangenehmes zu verdrängen, nicht mehr wahrhaben zu wollen. Und damit das Verdrängte auch ja in den Tiefen des Unbewussten bleibt, entwickeln wir Menschen dazu passende Abwehrstrategien:
Jemand, der z. B. eine große Angst hat, einen Fehler zu begehen, wird zur Perfektion neigen. Mehr oder weniger zwanghaft wird er versuchen, aber auch jede Tätigkeit bis zur absoluten Perfektion zu treiben, denn wenn er keinen Fehler begangen hat, wird seine Angst, was falsch zu machen beruhigt, nicht aktiviert.

Beispiel: in unserer Nachbarschaft hatte tagsüber ein Einbrecher auskundschaftet, dass das Haus, in dem er wertvollen Schmuck vermutete, von einem Hund bewacht wurde. Also kam er nachts mit ein paar Schnitzeln an ….
Nun, zwei hoch angesetzte Schlüsselwörter, die mir immer wieder begegnen sind folgende:

Freude und Leid
Selbstverständlich: ein Kind sollte in seinem Elternhaus beides kennen lernen, leben dürfen:
- sich freuen können dürfen
- als auch leiden können dürfen!

Die Freude dient zur Entspannung und Bestätigung von bisher Getanem und dadurch zur Verstärkung von dem, was man bisher geleistet hat.
Das Leiden ist absolut notwendig um zu einem Erfolg zu kommen. Nun, das weiß jeder Sportler. Beispielhaft denke ich hier an die Giganten der Straße, die Radprofis anlässlich der Tour de France.

Aber leiden können ist auch notwendig, um zu einer neuen Erkenntnis zu kommen: Ich befinde mich in einer Ohnmachtssituation, die ich mit meinen bisherigen Lösungsstrategien nicht bewältigen kann. Nur wenn mir jetzt was Neues einfällt, kann ich aus der bisherigen Sackgasse herauskommen.
(Am Rande sei bemerkt, dass Freude keine neue Erkenntnis schaff).

Nun, entscheidend ist festzuhalten, dass wir Menschen zwar beide Verhaltensweisen leben können dürfen, sich freuen und zu leiden vermögen, aber bitte immer nur abschnittsweise, bzw. vorübergehend!

Probleme stehen ins Haus, wenn ich eine dieser beiden Strategien zu sehr favorisiere.

Beispiel.
Eine Frau um die 35 Jahre jung, nennen wir sie Rebecca, unter einer schweren Depression leidend, berichtete mir, dass sie ein sogenannter Unfall war, d. h. ihre Eltern mussten ihretwegen heiraten.

Ihr Vater verschwand auf Nimmerwiedersehen, als sie 2 Jahre alt war. Ihre Mutter musste Geld verdienen. So bin ich mehr oder weniger auf der Straße groß geworden. Bei jedem Fehlverhalten schrie mich meine Mutter an, ich sei wie mein Vater, dieser Mistkerl. Und im Kindergarten und in der Schule wurde ich wegen meiner notdürftig geflickten Bekleidung ausgelacht und na ja, meine Schulnoten waren auch nicht die Besten. Meine Mutter konnte mir mangels Bildung und Zeit bei den Schulaufgaben auch nicht helfen.

Wie ich diese Frau nun mal nach Freude fragte, lachte sie verbittert auf und gab zum Besten: „Der Spatz der morgens pfeift, den frisst abends die Katze!“ oder „Wenn es dem Esel zu bunt wird, geht er aufs Eis – und bricht sich natürlich die Haxen!“, oder, wenn ich mal ausnahmsweise mit einer guten Schulnote nach Hause kam und mich freuen wollte, hieß es gleich, „Na warte mal die nächste Note ab. Also, solche und ähnliche Sprüche waren das Standartrepertoire meiner Mutter.
Es war eine Scheiß Kindheit. So was möchte ich nicht noch mal erleben!!
Tja, wie sah nun ihr Lebensgefährte, Wolfram, aus:
Er war um die 40 Jahre; befand sich im 20- zigsten Semester seines Studiums für das Lehramt. Vorher hatte er einige Ausbildungen abgebrochen und als ich fragte, ob er denn bei seinem fortgeschrittenen Alter noch später als Beamter übernommen werden könnte, meinte er in einer unübertrefflichen Sicherheit und geruhsamen Lächeln: Da wird sich schon was finden!

Rebecca zischte jetzt los: Na klar, Deine Mutter hat Dir ja auch immer den Arsch nagetragen, dir jede Schwierigkeit aus dem Weg geräumt und geldlich hängst du ja noch immer am Tropf vom Vater.
Somit hatte Wolfram Leiden nie kennengelernt.

Das Tragische ist nun, dass Menschen, die im Leiden groß geworden sind, dazu neigen, sich in jemand zu verlieben, der in seinem Elternhaus Freude pur genießen konnte und umgekehrt.

D. h. der Leidende kann jetzt wieder leiden, denn der sich Dauerfreuende ist ja darauf angewiesen, dass andere was für ihn tun, damit er wie bisher wieder in der Freude bleiben kann. Selber was für andere was tun, ist ihm völlig fremd, denn dann müsste er ja ins Leiden gehen.

Mit anderen Worten: Menschen, die im Leiden groß werden mussten, sind im Erwachsenenleben fast süchtig darauf, immer wieder leiden zu können. Und vor Freude haben sie eine panische Angst, denn wenn einmal Freude angesagt sein sollte, befürchten sie, dass irgendwie und wann noch ein dickes Ende nachkommt.

Leute, die tendenziell nur Freude in ihrer Kindheit kennengelernt haben, scheuen Leiden, bzw. etwas tun zu müssen, denn dann könnte man ja einen Fehler machen und außerdem, sich auch mal wehtun, sich quälen, um zu einem Erfolg zu kommen, ist einfach eine Zumutung. Dafür sind andere da.

Zum Schluss:
Seien sie einmal Sherlock Holmes und versuchen Sie über sich selber herauszufinden, welches angstbesetzte Schlüsselwort, welche Psychokokke, sie bisher in ihrem Leben geleitet hat.

Wenn sie fündig geworden sind, so dürfen Sie sich ab heute die Erlaubnis geben, dass sie genau das, was bisher verboten war, nun leben dürfen.

Ganz konkret: Wer im Leiden groß werden musste, sollte in Zukunft leidvolle Situationen tunlichst meiden und viel mehr Bereiche der Freude aufsuchen.

Und wer in seiner Kindheit zu sehr umsorgt, verwöhnt wurde, sollte sich in Zukunft auch mal mit etwas Leiden , d. h. für andere Verantwortung übernehmen, denen eine Freude bereiten können, anfreunden.

Was will FamilienPsychoSomatik: Erweiterung der Möglichkeiten eines jeden; bzw. in Zukunft Zugriff haben können zu allen Lebensbewältigungswerkzeugen, die einem Menschen zustehen und schon kann Partnerschaft glücklicher gelingen, bleiben Krankheiten fern und geht es auch beruflich besser.

In diesem Sinne ihr Dr. Bernd Frederich