Podcast 019 – Behandlung von Multiple Sklerose
Heute möchte ich Ihnen etwas über das Schicksal einer Multiplen Sklerose MS-Patientin berichten.
Jana war in heller Aufregung, denn sie hatte bereits einen längeren stationären Aufenthalt in einer neurologischen Klinik hinter sich. Viele infektiöse Herde in ihrem Gehirn, mit den entsprechenden Ausfallserscheinungen an Armen und Beinen hatten sich bei ihr eingestellt und nur Höchstdosen von Kortison hatte einen Rückgang dieses MS-Schubes bewirkt.
Die gesamte Geschichte dieses Podcast können Sie hier noch einmal nachlesen und vertiefen.
„Ich will doch nicht im Rollstuhl landen, oder sogar viel zu früh sterben müssen, bitte Doktor helfen Sie mir.“ Und sie fuhr fort: „Ich bekomme nun zwar neben dem Kortison auch das Betaferon und was sonst noch der pharmazeutische Markt alles hergibt, aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass das noch nicht das Gelbe vom Ei ist, denn selber bin ich schon drauf gekommen, dass irgend-wie Stress meine Erkrankung fördert, nur welcher Stress es ist, da bin ich in meinem Sherlock-Holmes-artigen Suchen noch nicht weiter gekommen.“
Ihr Wissen bestätigend zeigte ich ihr auf, dass unser Körper eine anhaltende Anspannung nicht verträgt, sondern, dass, wenn unser Körper in eine anhaltende Anspannung gerät, ungünstige bzw. krankmachende Gene angeschaltet werden können.
Ein Mensch sollte also darauf achten, möglichst bis abends alle Hausaufgaben zur eigenen Zufriedenheit gelöst haben zu können.
Meine Ausführungen bestätigend, fügte sie hinzu: „ Ich grüble wie ein Weltmeister, liege nachts stundenlang wach, bin dann natürlich morgens schlagkaputt und wenn ich Sie, Dr. Frederich, richtig verstehe, so ist ein anhaltendes Grübeln ja auch als eine anhaltende Anspannung zu verstehen.“
Ich erzählte ihr dann noch gleich die Geschichte von einem Mann in Nordrhein-Westfalen, der vor rund 4 Jahren 111 Jahre alt geworden war und als man ihn fragte, wie er denn das geschafft hätte so gesund zu bleiben und 111 Jahre alt zu werden, worauf er spontan antwortete: „Du darfst im Leben alles tun, nur nicht grübeln, entweder lös das Problem oder vergiss es!“ Meiner Meinung nach ein weiser Psychosomatiker.
Tja, so fragte ich sie weiter, ob ihr denn bewußt sei, über welche Themen sie denn immer wieder grübeln würde, worauf es spontan aus ihr herausschoss:
„Ich habe den Eindruck, dass mein Mann dem Alkohol zu nahe steht und ich habe ihn deswegen auch schon einmal abends zur Wohnung hinausgeworfen, mußte ihn dann aber wieder reinlassen, weil unsere Kinder das mitbekommen hatten und jämmerlich zu weinen begannen.“
Ralf, der Mann von Jana, saß mit gesenktem Haupt neben mir und murmelte vor sich hin: „ Ja so schlimm ist das ja nun auch wieder nicht mit dem Alkohol, da trinken doch andere viel viel mehr und außerdem könnte ich doch in meiner Fußballmannschaft nicht eine führende Rolle spielen, wenn ich ein Alkoholiker wäre“.
„Ja aber dann, wenn du nur ein wenig Alkohol getrunken hast, erlebe ich dich als total unzuverlässig, du vergißt dann Dinge, die ich dir aufgetragen habe und damit kann ich einfach nicht leben.“ Hierauf fragte ich Jana, welches Wort, welchen Begriff sie überhaupt nicht leiden könne bzw. was denn in ihrem Elternhaus für sie äußerst wichtig gewesen sei.
Ohne viel zu überlegen platzte es aus ihr heraus: „–Unzuverlässigkeit!- Mein Vater verstand, was Unzuverlässigkeit anbelangt, überhaupt keinen Spaß, richtig pedantisch achtete er bei uns allen darauf, dass Ordnung herrschte, Pünktlichkeit herrschte und alles und auch sofort zu seiner Zufriedenheit erledigt wurde. Ein Verzeihen bei Versagen bei diesen Punkten gab es bei ihm nicht.“ Somit war für mich klar, dass das negative Schlüsselwort bzw. das hochangstbesetzte Schlüsselwort von Jana Unzuverlässigkeit hieß und wenn sie jemanden in ihrer Nähe als unzuverlässig erlebte, mußte sie in eine anhaltende Anspannung geraten, denn unbewußt befürchtete sie jetzt wieder die Strafaktion ihres Vaters. Somit konnten wir bereits in der ersten Stunde folgende Deal aushandeln: Ralf bekam von ihr die Zustimmung, dass er sich schon hin und wieder ein Bier, ein Glas Wein genehmigen können durfte, aber dabei nicht vergessen sollte, was er vorher ihr an Verpflichtungen zu erfüllen zugesagt hatte. Sie im Gegenzug versprach ihm ihn mehr zu loben und nicht dauernd, wie bisher im Übermaß zu kritisieren.
Das 5. Treffen fand im darauffolgenden Juni statt und Jana meinte: „Ich glaube Dr. Frederich ich habe es kapiert, ich habe jetzt meine frühere wahnsinnige Angst, etwas falsch zu machen, systematisch heruntertrainiert, ich kann jetzt auch ohne schlechtes Gewissen andere einmal enttäuschen und sogenannt auch schuldig sein und meine frühere Allergie auf „Du musst“ hat auch etwas nachgelassen. Mein Mann geht heute mit dem Alkohol vorsichtiger um und er ist jetzt meinem Wunsch zuverlässiger zu sein , deutlich entgegengekommen. Letzthin hatte ich einen sagenhaften Traum und zwar hatte ich im Traum einen fürchterlichen Streit mit meinem Schwiegervater, der aber dann am Schluss gütlich ausgegangen ist. Somit wußte ich morgens beim Aufwachen, das ist ein letzter Punkt deiner dauernden Anspannung. Am folgenden Wochenende haben wir mit unterschiedlichen Meinungen aber dieses und jenes geklärt und ich empfand es auf einmal wie ein warmer Regen auf ausgedörrtem Boden, eine unglaubliche Entspannung machte sich in mir breit und ich hatte automatisch das Gefühl ich brauche jetzt kein Betaferon mehr und habe es einfach abgesetzt. Hinzu kam noch, dass ein Bluttest aufzeigte, dass ich jede Menge Antigene gegen Betaferon hatte, also war diese Therapieform ohnehin für die Katz.
Mein Neurologe, dem ich das brav und ehrlich erzählte, war natürlich im ersten Moment entsetzt, aber er teilte dann meine Meinung versuchsweise einmal das Betaferon abzusetzen und sollte ein deutlicher Rückfall eintreten, könne man diesen immer noch mit Kortison abfangen.
Zusammengefasst kann ich für Jana folgendes formulieren:
Ihre unglaubliche Angst unzuverlässig zu sein, d. h andere zu enttäuschen, schuldig zu sein, einen Fehler gemacht zu haben, ihr verinnerlicht durch ihren überaus strengen Vater, hat sie am Beispiel ihres Mannes in eine permanente anhaltende Anspannung gebracht, die dann ihre erbliche Disposition zur Multiplen Sklerose angeschaltet hat. In dem Moment, wo sie diese einst anerzogene Angst systematisch heruntertrainiert hatte, konnte sie diese krankmachenden Gene auch wieder abschalten und die gesamte Symptomatik eine Multiplen Sklerose bildete sich sukzessive zurück.
Somit ist Jana nicht geheilt, denn sie hat immer noch die krankmachenden Faktoren Richtung Multiple Sklerose, aber zumindest, und das ist ja das Entscheidende, ist sie heute völlig symptomfrei. Mit anderen Worten, sie hat ihr Schicksal selber in die Hand genommen, d. h. Gesundheit in eigener Verantwortung, denn sie hatte recht bald wahrhaben können, dass weder Tabletten, noch Spritzen, noch Infusionen letztendlich ihr grundsätzlich helfen, sondern nur sie selber konnte die ihr einst anerzogenen Ängste systematisch wieder heruntertrainieren, um so endlich wieder zur Gesundheit zu gelangen.
Abschließend zu dem Thema Multiple Sklerose darf ich hinzufügen, dass alle mir begegneten MS Leute unter einer massiven Angst etwas falsch zu machen, andere zu enttäuschen, schuldig zu sein, leiden und in abgeschwächter Form unter der Angst „Du musst“, d. h. sich nicht trauen, sich wehren zu können gegen Aufgaben, die man eigentlich gar nicht übernehmen möchte.
In dem Augenblick, in dem diese Patienten diese beiden Ängste systematisch niedertrainieren, bildet sich nach meiner Erfahrung auch die Symptomatik einer Multiplen Sklerose sukzessive zurück.
Euer Dr. Bernd Frederich
