Podcast 020 – Vertrauen
Neben körperlichen Strafen wie Prügel, Elektroschocks, Waterboarding, usw., ist wohl für uns Menschen Einsamkeit die schlimmste Bedrohung, der man uns aussetzen kann. In früherer Zeit, als wir Menschen begannen Mensch zu werden, zogen wir in Gruppen von dreißig bis vierzig Leuten durch die Lande. Wenn nun ein Mitglied dieses Clans missliebig auffiel, lief er Gefahr, ausgeschlossen zu werden, was für den Betreffenden den sicheren Tod bedeutete. Denn allein war damals ein Mensch nicht überlebensfähig!
In einem wissenschaftlichen Experiment schob man eine Versuchsperson in einen Scanner (fMRT) und konfrontierte sie über ein Videospiel mit der Situation, plötzlich allein dazustehen. Aber auch sofort reagierten das Schmerzzentrum und ein daneben liegender Bereich – wohl zuständig für Einsamkeit – überaus heftig (vermehrte Durchblutung). (Siehe M. Spitzer: DVD’s: Gehirn und Geist).
Somit gilt für das Überleben eines Menschen folgendes: Sowohl ist unser Körper täglich damit beschäftigt, die uns unentwegt attackierenden Bakterien, Viren und Pilze (materielle Schädlinge/Stressoren) abzuwehren = Aufgabe des Immunsystems!, als auch die uns stets bedrohende Einsamkeit (immaterielle Bedrohung) in Schach zu halten: Hierzu stehen uns nun nach meiner Ansicht drei Möglichkeiten zur Verfügung: (Die Reihenfolge ist beliebig)
1. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigenen Entscheidungen
2. Vertrauen in Beziehungen, Bindungen, soziales Netz
3. Vertrauen in irgendeinen Form von Religion, übergeordneter Instanz
Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigenen Entscheidungen
Nun gibt es viele Menschen, die von einer ungeheuren Angst, einen Fehler gemacht, andere enttäuscht zu haben, schuldig geworden zu sein, geleitet
werden. (Drei Formulierungen für ein und denselben Sachverhalt). Sicherlich brauchen wir das Schuldgefühl, denn wir Menschen sind von Natur aus Kooperationswesen und allein nicht überlebensfähig! Damit nun eine Zusammenarbeit auch klappt, ist dieses Schuldgefühl, andere nicht zu enttäuschen, unabdingbar.
All die Gefühle, deren wir fähig sind, wie Angst, Freude, Trauer, Schuld usw. haben wir als Anlage. Wie weit nun diese Anlagen zur Ausbildung kommen, entscheidet das Elternhaus. So kann es passieren, dass einem Heranwachsenden ein zu wenig oder aber zu viel an Schuldgefühl anerzogen wird.
Es leuchtet ein, dass ein zu viel an Schuldgefühl bzw. Angst einen Fehler zu machen die Motivationsbremse etwas zu tun, darstellt. Auch Entscheidungen
zu treffen fällt schwer. Als Abwehr gegen diese Angst, wird die Strategie der Perfektion eingesetzt. Was wiederum sehr viel Zeit kostet. Und ist trotz allem Perfektionsbemühen etwas schief gegangen, so fühlen sich solche Leute über längere Zeit gelähmt.
Weiter gehört zu diesem Thema des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten, dass ein Mensch im Verlaufe seines Lebens zu seiner Begabung, seinem
Talent, seiner Berufung findet. Ich teile die Beobachtung von Lawrence Le Shan („Psychotherapie gegen den Krebs“), dass Krebs-Patienten häufig solche sind, die am weitesten von dem entfernt sind, was sie eigentlich aus ihrem Leben hatten machen wollen. Gelingt es, solchen Patienten Mut zu machen, nun mal endlich das zu tun, was sie insgeheim schon immer hatten unternehmen wollen, leben sie meist viel länger, als üblicherweise bei ihrem Stadium zu erwarten gewesen wäre, bis hin zur Spontanheilung.
„Eine mit Heißluft prall vollgefüllte Ballonkammer: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Entscheidungen“, zieht uns von der uns stets bedrohenden Einsamkeit, dem Tod, hinweg. (siehe Abbildung unten)
Vertrauen in Bindung und Beziehung (soz. Netz)
Ich denke, es ist hinlänglich bekannt und damit nicht weiter auszuführen, dass Menschen mit einer intakten Familie, einem größeren, echten Freundeskreis, eher gesund bleiben und länger leben, als Einzelkämpfer, Singles, Eremiten. Leute, die sich in der Not auf die sichere Unterstützung anderer verlassen können, die im tiefsten Inneren davon ausgehen, die Mehrheit der Menschheit ist ihnen wohlgesonnen und bei Bedarf hilfreich zur Stelle, können immer wieder mal abschalten, sich fallen lassen und so regenerieren. (Daueranspannung/Dauer-Stress macht krank!)
Vertrauen in irgendeine Form von Religion
Als dritte „Auftriebskammer“ unseres Heißluftballons, welcher uns nach oben, weit weg von der drohenden Einsamkeit wegzieht, steht uns Vertrauen in irgendeine Form von Religion zur Verfügung. Junge, aufgeschlossene Theologen haben mir „verraten“, dass es für sie keine Rolle spielt, ob nun diese Instanz Gott, Buddha, Allah oder Manitu heißt, denn letztendlich sind die Grundaussagen aller Religionen ähnlich.
Als eindrücklichstes Beispiel, wie echte Religiosität lebensrettend zu wirken vermag, erlebte ich beim Lesen des berühmten Büchleins „Dennoch ja zum Leben sagen“ von Viktor E. Frankl. Prof. Frankl, Psychiater, Psychotherapeut, Wiener, Jude musste zur Zeit Hitlers ins KZ. Seine gesamte Familie wurde umgebracht; er überlebte durch einige glückliche Umstände. Seine Beobachtung als Psychiater und Analytiker war die, dass echt religiöse Menschen unter diesen extremsten menschenfeindlichen Bedingungen doch noch eher überlebten als Atheisten.
Meine Beobachtung ist nun die, dass Menschen, die in allen drei Bereichen „Feuer in ihrem Ballon haben“, d.h. über ein großes Maß an Vertrauen in ihr Handeln, in Bindungen/Beziehungen und Religion besitzen, kaum krank werden, eine glückliche Partnerschaft führen und auch beruflich erfolgreich sind. Als Fallbeispiel, wie wenig Auftrieb in diesen drei Kammern unseres Heißluftballons, Krankheit auszulösen vermögen, sei an folgendem Schicksal dargestellt.
Charlotte, 55 Jahre jung, glücklich verheiratet, drei wohlgeratene und beruflich erfolgreiche Kinder, halbtags als Bibliothekarin tätig, litt seit drei Jahren zunehmend unter nächtlichen Panikattacken, die sich jetzt in letzter Zeit auch tagsüber eingestellt hatten. „Ich habe schon alles versucht. Die Möglichkeiten der Schulmedizin: Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie, Orthopädie, als auch sog. Außenseiter-Methoden. Nichts hat geholfen.“ „Ich habe jetzt schon abends Angst ins Bett zu gehen, weil ich weiß, dass es dann morgens gegen zwei – drei Uhr wieder losgeht mit diesen fürchterlichen Ängsten.“
Da unter anderem Harmonie dieser Frau sehr wichtig war und sie sich somit nicht traute, andere zu kritisieren oder gar zu verletzen, brauchten wir über ein Jahr (11 Doppeltherapiestunden, alle 4 Wochen eine Sitzung) um Folgendes ans Tageslicht zu bringen: Ihr Elternhaus, eine wohlgesittete, aber sehr konservative Akademiker-Familie bevorzugte ihre beiden Brüder auf das Extremste. „Ich lief einfach so neben her mit. Wäre ich mal ausgebüchst, die hätten es wohl gar nicht bemerkt! Anerkennung – wenn überhaupt – gab es nur, wenn ich mich im Haus nützlich machte und beste Noten mit nach Hause brachte – was leider nicht so häufig der Fall war“.
„Wenn ich eine Überschrift über meine Kindheit wählen sollte, so fallen mir sofort die Begriffe Einsamkeit und Leistung ein.“ „Frauen heiraten eh. Da braucht es nicht viel Ausbildung“ war einer der Leitsprüche meines Vaters. „Zudem war er der Auffassung, dass Religion Opium fürs Volk sei. Eine Kirche habe ich selten von innen gesehen“. Nun, vor drei Jahren verließ das letzte ihrer Kinder das Elternhaus und zusätzlich erhielt ihr Mann eine berufliche Aufgabe, die von ihm verlangte, des Öfteren über längere Zeit weltweit unterwegs zu sein …: Die einzige Stütze von Charlotte: Leistung, Einsamkeit von sich fernzuhalten, fand keine Aufgabe mehr, brach zusammen. Und so schaltete in ihrem Fall ihr Organismus auf Panikattacken.
Aus Platzgründen ist es mir verwehrt, nun ganz im Detail den therapeutischen Fortschritt von C. zu skizzieren. So viel sei aber geschildert: Zu Beginn der Beratung versorgte ich C. mit einem leichten Psychopharmakon, so dass doch eine kleine Linderung ihrer nächtlichen Panikattacken zu erreichen war. Gleichzeitig aber reaktivierte sie einen alten Freundes-Frauenkreis und besuchte hier an der Uni eine Vorlesung für Senioren und knüpfte auch dort Kontakte. Dann besorgte sie sich ein Buch, in dem die Aussagen der fünf Weltreligionen mit einander verglichen werden, um zu schauen, ob sie sich nicht dort in irgendeiner Weltansicht wiederfinden könnte.
Weiter begann ihr Mann sich ein wenig mehr zu öffnen, denn bisher war er zwar ihr gegenüber immer sehr fürsorglich und zuvorkommend gewesen, aber von all dem, was in ihm tatsächlich vorging, erzählte er kaum etwas. So befand sie sich trotz seiner Nähe stets einsam an seiner Seite. Und auch die Kinder riefen jetzt des Öfteren mal zu Hause an, erzählten, was sie so alles erlebt hatten und fragten jetzt auch mal ihre Mutter, wie sie denn so die letzten Tage verbracht hätte.
Ich hoffe hiermit deutlich gemacht zu haben, dass es bei den heutigen Erkrankungen oft wenig Sinn macht, nur den einzelnen Patienten, den Index Patienten, zu behandeln, sondern das gesamte Familiensystem muss sich weiterentwickeln, um einen durchschlagenden und anhaltenden Erfolg zu erreichen. Charlotte konnte recht bald ihre Tabletten absetzen und nach einigen Rückschlägen! – so schnell ist das „Nervenkostüm“ nicht umzuprogrammieren – kann sie heute friedlich und erholsam durchschlafen.
Vertrauen

So wie uns Menschen täglich Bakterien, Viren und Pilze bedrohen, so versetzt uns auch das Gefühl der Einsamkeit in eine permanente Anspannung. Wiederum wissen wir, dass eine Daueranspannung, Dis-Stress, nicht abschalten können, krank machende Gene anschaltet: Krankheit entsteht. Als Abwehr gegen diesen Terroristen Einsamkeit stehen uns drei Möglichkeiten zur Verfügung.
1. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in die eigenen Entscheidungen
2. Vertrauen in Beziehungen, Bindungen, soziales Netz
3. Vertrauen in irgendeinen Form von Religion, übergeordneter Instanz
