In diesem Podcast möchte ich mich dem Thema Magersucht (Anorexie) und die Verbindung von angstbesetzten Schlüsselwörtern nähern. Mehrer Beispiele aus meinen langjährigen Beobachtungen von magersüchtigen und anderen Patienten soll dies verdeutlichen.

 
 Magersucht - Anorexie [20:49m]: Play Now | Play in Popup | Download

Früher, als klassischer Schulmediziner und Internist, suchte ich bei meinen Patienten anlässlich von Infektionskrankheiten nach Bakterien, Viren und Pilzen. – Siehe die derzeitige Jagd nach dem EHEC-Erreger.

Als FamilienPsychoSomatiker interessieren mich heute vielmehr angstbesetzte Schlüsselwörter, die genauso zu einer Erkrankung führe können, wie die oben angeführten Stressoren: Nach Ilya Prigogine, Biochemiker und Nobelpreisträger, kann ein organisches System über die Zeit nur überleben, wenn es einem dauernden Wechsel von Anspannung und Entspannung unterliegt (= Eu-Stress).

Eine Daueranspannung dagegen (Dis-Stress) führt zu einer Erkrankung, je nach genetischer Prädisposition.

Nach Prof. Joachim Bauer, Freiburg: „Ein Mensch mag zwar dieses oder jene pathogene Gen in sich haben, ob dieses aber auch angeschaltet wird, dies entscheidet der Kopf!“ („Das Gedächtnis des Körpers“).

Zu dieser Erkenntnis passt nun auch die neueste Entdeckung der Epi-Gene, die für soziale und psychologische Einflüsse empfänglich sind und hierdurch die „unter ihnen liegenden“ Gene modifizieren und an- oder abschalten können.
Somit wird das Modell der FamilienPsychoSomatik, deren Anfänge in die USA in den sechziger Jahren zurückreichen bestätigt, dass

  • nicht der Patient krank ist, sondern die Beziehung in der er lebt
  • der Patient ist die „Klingel“ einer gestörten familiären und/oder betrieblichen
    Kommunikation
  • eine dysfunktionale, d. h. angstbesetzte Kommunikation, sei es eines Menschen mit sich selber, sei es der Menschen unter-/miteinander kann genauso zu einer Erkrankung führen, wie die bisher in der Schulmedizin eruierten Stressoren.

Nun, vorwiegend in der Kindheit erlebte Situationen der Ohnmacht, z. B. immer wieder verprügelt, oder überbehütet werden und somit keine eigenen Ideen entwickeln und durch Versuch und Irrtum verfolgen dürfen, generieren in unserem Cerebrum persistierende Ängste vor solch erlebten Situationen der absoluten Hilflosigkeit.

2 Beispiele:
Hannelore Kohl, die verstorbene Gattin unseres Ex-Kanzlers Helmut Kohl, war mit 12 Jahren von den Russen vergewaltigt worden. Jahre später bei gemeinsamen Auftritten mit ihrem Mann mit Russen, sei es bei festlichen Anlässen in Berlin zusammen mit Gorbatschow und Raissa oder sogar in Moskau, beschlichen sie immer wieder panische Ängste und eine extreme Übelkeit, deren sie kaum Herr werden konnte. Nur ihre eiserne, preußische Disziplin ließ sie nicht zusammenbrechen! (Heribert Schwan: „Die Frau an seiner Seite“).

Selber erlebt habe ich folgende Begebenheit:
Ein älterer Herr kam zu mir erstmalig in die Praxis: Er sei neu zugezogen und suche einen Hausarzt.
Selbstverständlich willigte ich ein, ihn in Zukunft zu betreuen. Bat ihn aber in den nächsten Tagen zu einer Generaluntersuchung (check up) zu erscheinen, was damals, 1974, noch völlig unüblich war.

Wir stehen in meinem Untersuchungszimmer und um an das EKG-Gerät zu kommen, es war ein etwas enger Raum, bat ich ihn höflich, doch etwas nach hinten zu treten, sich an die Wand zu stellen. Lautlos sackte er in sich zusammen, kollabierte und ich fand ihn auf dem Fußboden wieder. Zum Glück hatte er sich nicht ernsthaft wehgetan und als er wieder zu sich kam, flüsterte er mit zittriger Stimme und schweißnass auf der Stirn: „Dr. Frederich, sagen Sie um Gottes willen bitte nie mehr „an die Wand stellen“: Ich war in russischer Gefangenschaft, bin zwei Mal an die Wand gestellt und scheinerschossen worden“.

 

Psychokokken

Abb. 1: Angstbesetzte Schlüsselwörter, bzw. Psychokokken

 

Bei Anorexie-Patientinnen habe ich nun sehen gelernt, dass diese einmal eine unglaubliche Angst haben, s c h u l d i g zu sein, bzw. andere zu
e n t t ä u s c h e n, bzw. einen F e h l e r z u b e g e h e n. (3 Synonyme!) Zurückzuführen auf das uns angeborene Schuldgefühl, welches wir aber bei Geburt nur als Anlage haben. Es hängt nun vom Elternhaus ab, wie weit dieses Schuldgefühl ausgebildet wird: Bei Magersüchtigen zu intensiv!
Dies ist für mich die Psychokokke Nr. Eins der Magersüchtigen.
Nun, Angst, einen Fehler zu begehen, ist gleich d i e Motivationsbremse zum selbständigen Handeln.
(Die Abwehr gegen diesen implementierten, chronischen angstbesetzten Schlüsselbegriff ist der Zwang zur Perfektion).

 

Zur Erläuterungen der zweiten Psychokokke dient Abb. 2:

 

Drei Voraussetzungen für ein gelungenes Leben

Abb. 2: drei unabdingbare Voraussetzungen für ein gelungenes Leben

1. Unter körperlicher Unversehrtheit verstehe ich weder in der Kindheit verdroschen werden, Kopfnüsse, Tatzen (bei Lehrern früher sehr beliebt), oder als Underdog von Klassenkameraden in die Mangel genommen werden. Für Mädchen selbstverständlich keinen sexuellen Missbrauch!
2. Unter seelischer Unversehrtheit ist gemeint, dass ein Kind innerhalb der zu lernenden Spielregeln unserer Gesellschaft frühestmöglich unbeschwert! seine Berufung, Begabung, Talent ausprobieren darf.
3. Dazu zugehören meint, dass ein Kind vom Augenblick der Zeugung an herzlich willkommen geheißen, angenommen wird, geliebt wird, „einfach nur dafür, dass es da ist“. Dass die Eltern, insbesondere die Mutter, die Strategie der Resonanz, Stichwort „Spiegelzellen“, lebt! Und später das Kind erfährt, auch im erweiterten Verwandten- und Bekanntenkreis angenommen zu sein.

Meine persönliche Erfahrung ist nun, die, dass Menschen, die in allen drei Bereichen kaum etwas Positives erfahren haben, mit einer umso schwereren Erkrankung reagieren – bis hin zum Carcinom.

Magersucht und Essstörung !!!

Prof. Ulrich Sachsse, Psychiater, Uni Göttingen, berichtete einst, dass er bei seinen Patientinnen mit Anorexie ( Magersucht ) plus Bulimie und Ritzen immer wieder feststellen muss, dass da auch ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Bei meinen Anorexie Patientinnen konnte ich dieses noch nicht feststellen.

Aber! – Bei Familien mit einer anorektischen Patientin (Magersucht, Essstörungen) sehe ich immer wieder folgendes:

Szenarium:
Die Mutter, aufgrund ihrer Biografie, depressiv, traurig, unschlüssig, harmoniesüchtig und damit keine Stütze, oder gar Führungskraft für ihre Tochter.

Im Gegenteil:
Die Tochter avanciert zum Aufpasser, Tröster, gar Heiler und Retter für ihre Mama. – Was natürlich nie gelingen kann; d .h die Tochter befindet sich in einer klassischen Ohnmachtssituation.

Im Rahmen einer geleiteten Phantasie nach Peggy Papp kreierte ein magersüchtiges Mädchen folgendes Bild: Ich bin eine wunderschöne Amsel, die in einem Haselnussstrauch sitzt und um Mama zu erfreuen, singen und singen muss, damit Mutti, die neben mir ganz traurig im Gras liegt nicht aufsteht und in den neben uns fließenden Fluss geht und sich ertränkt!“

D. h., Punkt 2 nach Maslow:
Die seelische Unversehrtheit, wurde massiv verletzt, denn der Tochter wurde eine Aufgabe zugeschustert, die ihr a) gar nicht gehört, die b) für sie unlösbar ist (Kinder haben Eltern noch nie gerettet) und c) kommt sie so nicht zum Ausprobieren ihrer eigenen Begabung, Talente etc..
Als negativer Nebeneffekt kommt dann noch hinzu, dass unter diesem Setting einer schwachen Mutter, die Tochter stark sein musste, sie zum Mittelpunkt wurde und das Herrschen, andere beherrschen lernte.

O-Ton einer Magersüchtigen: Lange Zeit war ich in meiner Schulklasse der Mittelpunkt und gab den Ton an. Irgendwie muss ich es aber über die Zeit übertrieben haben, denn auf einmal wollte niemand mehr etwas von mir wissen. Ich war draußen, gehörte nicht mehr dazu! Nun, da ich nicht mehr andere kontrollieren konnte, begann ich halt mein Essen zu kontrollieren… !“
Somit heißt für mich die Psychokokke Nr. Zwei: Angst die Kontrolle über andere zu verlieren. Nicht mehr dazu zu gehören.

(Dazu passt meine Erfahrung, dass ein magersüchtiges Mädchen in dem Moment beginnt Fortschritte zu machen, wenn es wieder Kontakt zu ehemaligen Freundinnen aufnimmt).

Selbstverständlich können diese meine Beobachtungen nur Allgemeingültigkeit erlangen, wenn im Rahmen von kontrollierten und randomisierten Studien nachgewiesen werden kann, dass ich keinem Bias aufgesessen bin.
Hierzu wäre es z. B. notwendig, eine statistisch ausreichende Anzahl von Anorexie Patientinnen (magersüchtige Patienten) in den „Scanner zu schieben“, sie dort mit den von mir eruierten angstbesetzten Schlüsselwörtern zu konfrontieren, um dann beobachten zu können, ob die Mandelkerne, in denen bekanntlich die Angst lokalisiert ist, reagieren. Sollten in einem solchen Versuch die Amygdala mehr Durchblutung zeigen, d. h. Angst generieren, würde dies einen kausalen Zusammenhang zwischen den von mir postulierten Psychokokken, gleich immaterielle Erreger und dem Körper, gleich materielle Struktur, bedeuten: „Mind meets body!“

Der Therapie Ansatz für diese Patientinnen besteht dann darin, im Sinne einer Verhaltenstherapie, die Angst vor diesen einst gelernten Psychokokken herunterzutrainieren.

Zum Schluss ein Erlebnis über meine eigene Person:
Vor zwanzig Jahren musste bei mir eine koronare Herzkrankheit diagnostiziert werden und dies, bei einer Größe von 175 cm und einem Gewicht von 78 Kg; kein Diabetes Mellitus; keine Hyperlipidämie und keine Hypertonie. (Problemlos war ich Inhaber von drei Fluglizenzen!)

Nur mein Großvater mütterlicherseits war mit rund vierzig Jahren an einem Herzinfarkt verstorben.

Rund alle zwei, drei Jahre musste ich auf den Kathedertisch zur Ausdehnung erneuter Engpässe.

Vor über neun Jahren endlich wurde mir meine ureigene Psychokokke bewusst. Ich trainierte sie daraufhin systematisch herunter – und seit dieser Zeit ist die erblich bedingte Bereitschaft zu einer Herzkranzgefäßverengung abgeschaltet worden: Ich benötige seit neun Jahren keine Dilatation mehr!

Dr. med. Bernd Frederich